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Reso­nanz statt Stei­ge­rung: Hart­mut Rosa bei »Was ist wirk­lich?«

Im Rah­men der Ver­an­stal­tungs­rei­he »Was ist wirk­lich?« war der Sozio­lo­ge Hart­mut Rosa zu Gast an der Uni­ver­si­tät Regens­burg.

Hart­mut Rosa spricht schnell. Es ist kein Wun­der, denn er hat eine Men­ge zu sagen. In sei­nem Vor­trag mit dem Titel »Reso­nanz«, den er am Don­ners­tag, 26. April, vor etwa 200 Zuhö­rern an der Uni­ver­si­tät Regens­burg hielt, hat­te Rosa sich nichts Gerin­ge­res vor­ge­nom­men, als dem Publi­kum auf der Basis sei­ner sozi­al­theo­re­ti­schen For­schung eine »Sozio­lo­gie des guten Lebens« vor­zu­stel­len.

Der Sozio­lo­gie-Pro­fes­sor ver­steht es, sein Publi­kum mit­zu­rei­ßen. Das liegt nicht nur dar­an, dass er ein bril­lan­ter Red­ner ist, dem man die Freu­de am Erklä­ren förm­lich anse­hen kann. Er spricht in sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Arbeit auch ein Unbe­ha­gen an, das vie­le Men­schen ver­spü­ren. Sie emp­fin­den die heu­ti­ge Welt als all­zu schnell und über­for­dernd und gleich­zei­tig zuwei­len als stumm und nichts­sa­gend, weil bei aller Akti­vi­tät und allem, was ihnen abver­langt wird, für vie­le Din­ge, die ihnen wich­tig wären, schein­bar kei­ne Zeit bleibt.

Hart­mut Rosa bie­tet an die­sem Abend eine wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung für die­ses kol­lek­ti­ve Phä­no­men. Er führt es auf die Logik der Beschleu­ni­gung und Stei­ge­rung zurück, die sei­nes Erach­tens für die moder­nen west­li­chen Gesell­schaf­ten prä­gend ist und zuse­hends sämt­li­che Lebens­be­rei­che erfasst. Von allen Sei­ten pras­selt auf uns ein, dass wir mit ande­ren in Kon­kur­renz ste­hen. Erfolg­reich ist, wer die meis­ten Res­sour­cen anhäu­fen kann: mehr Geld, mehr Bil­dung, mehr Face­book-Likes. Der Stei­ge­rungs­lo­gik zu fol­gen, füh­re auf lan­ge Sicht zwangs­läu­fig in die Kri­se, meint Rosa. Für den Ein­zel­nen sei­en häu­fig psy­chi­sche Pro­ble­me wie Depres­si­on oder Burn-out die Kon­se­quenz. Und auch die Natur lei­de unter dem per­ma­nen­ten Wachs­tums­zwang, weil sie nicht in der Lage sei, schnell genug Res­sour­cen nach­zu­bil­den und Emis­sio­nen zu ver­ar­bei­ten.

Trotz die­ser düs­te­ren Zeit­dia­gno­se ist Rosa nicht hoff­nungs­los, denn er hat eine Alter­na­ti­ve zur Logik der Beschleu­ni­gung. Sie heißt »Reso­nanz«. Reso­nanz soll kei­ne rei­ne Geschwin­dig­keits­re­duk­ti­on oder »Ent­schleu­ni­gung« bedeu­ten. Sie ist für Hart­mut Rosa eine grund­sätz­lich »ande­re Form des In-Bezie­hung-Tre­tens zur Welt«. Die Beschleu­ni­gungs­lo­gik ver­lan­ge, sich die Welt zu eigen zu machen, sie unter Kon­trol­le zu brin­gen. Eine Reso­nanz­be­zie­hung zeich­ne sich dem­ge­gen­über dadurch aus, dass man sich von jeman­dem oder etwas im Inne­ren berüh­ren und damit letz­ten Endes sogar selbst ver­än­dern las­se. Sol­che Erfah­run­gen sind, wie Rosa sagt, »unver­füg­bar«. Man kann sie weder kau­fen noch erzwin­gen. Der eine macht sie im Gebet, im Zwie­ge­spräch mit Gott, die ande­re beim Schrei­ben eines Romans und der ande­re in einer inni­gen Freund­schafts- oder Lie­bes­be­zie­hung. »Der Mensch ist von sei­ner Natur aus auf Reso­nanzerfah­run­gen ange­wie­sen«, meint Hart­mut Rosa. Wo Reso­nanz durch die Logik der Beschleu­ni­gung und Stei­ge­rung unmög­lich gemacht wer­de, sei des­halb auch ein gelin­gen­des Leben nicht denk­bar.

Rosa stellt unse­rer heu­ti­gen Gesell­schafts- und Wirt­schafts­ord­nung damit kein gutes Zeug­nis aus. Her­mann Josef Eckl ist Hoch­schul­pfar­rer an der Uni­ver­si­tät Regens­burg. Er hat die Rei­he »Was ist wirk­lich?«, in deren Rah­men Hart­mut Rosa an die­sem Abend auf­trat, 2014 zusam­men mit eini­gen jun­gen Mit­ar­bei­ten­den der Uni­ver­si­tät ins Leben geru­fen. Eckl freut sich, mit dem Jena­er Sozio­lo­gen einen kri­ti­schen Wis­sen­schaft­ler als Refe­ren­ten gewon­nen zu haben, der nicht davor zurück­schreckt, sei­ne Posi­tio­nen öffent­lich zu ver­tre­ten. »Ich fin­de, Rosa nimmt etwas in den Blick, das uns gesell­schaft­lich sehr bewegt«, sagt Eckl. Er denkt dabei auch an sei­ne eige­ne seel­sor­ge­ri­sche Tätig­keit, bei der er viel mit den durch das Stei­ge­rungs­pa­ra­dig­ma ver­ur­sach­ten per­sön­li­chen Pro­ble­men von Stu­die­ren­den zu tun hat. Ihn fas­zi­niert an Rosa vor allem, dass die­ser »kei­nen kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Ansatz« ver­tritt, son­dern »kon­struk­tiv und lösungs­ori­en­tiert« arbei­tet. Wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen der Rei­he wer­den recht­zei­tig auf der Web­site von »Was ist wirk­lich?« ange­kün­digt.

Bericht: Mat­thi­as Kelsch

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