Kanon 99: Sergej Eisenstein »Panzerkreuzer Potemkin«

8. März 2010 (Montag) | 19.30 Uhr - Ort:

In einem bei­spiel­lo­sen Pro­jekt wer­den die 100 bes­ten Filme vor­ge­stellt – von den Anfän­gen bis zur unmit­tel­ba­ren Gegen­wart. Jeder Abend beginnt mit einer fun­dier­ten Ein­füh­rung von Dr. Hel­mut Hein. Nach der Vor­füh­rung gibt es in einem Kino­se­mi­nar die Gele­gen­heit zu ver­tie­fen­den Fra­gen und einer kon­tro­ver­sen Dis­kus­sion des Films.

Im Regina Film­thea­ter (Holz­gar­ten­straße 22, 93059 Regensburg)

Pan­zer­kreu­zer Potemkin

Zum Jubi­läum (der 50. Kanon 99-Film) ein Meis­ter­werk, das nicht nur den Stumm­film, son­dern das Nach­den­ken über das Kino und seine Mit­tel revolutionierte.

Eisen­stein ist kein neu­tra­ler Ästhet, son­dern ein Regis­seur, der sich bewusst in den Dienst der Revo­lu­tion stellt. Und unter Revo­lu­tion ver­steht er vor allem die radi­kale Ver­än­de­rung der Wahr­neh­mung, der Affekte und des Bewusst­seins. Eisen­stein wollte, dras­tisch und archa­isch, »die Seele der Zuschauer umpflü­gen« wie mit einem Trak­tor. Er ist ein kal­ter Vir­tuose in der Szenen-Architektur, die Per­spek­tive des Kamera-Auges ist ver­trackt und vom Prin­zip der pro­vo­zie­ren­den Kon­traste bestimmt. Vor allem aber ist er ein Meis­ter der Mon­tage: nicht im ein­zel­nen Bild, son­dern im Raum zwi­schen den Bil­dern, in der per­ma­nen­ten Pas­sage der Ein­drü­cke ent­steht die Wahr­heit (bzw. die Lüge, die sug­ges­tive und mani­pu­la­to­ri­sche Kraft) des Kinos.

»Pan­zer­kreu­zer Potem­kin« schil­dert Sze­nen aus der ers­ten, geschei­ter­ten Rus­si­schen Revo­lu­tion des Jah­res 1905: die Revolte der Matro­sen gegen uner­träg­li­che Lebens­be­din­gun­gen und die Will­kür und maß­lose Gewalt der Herr­schen­den; die Kraft des Wider­stands und die Trauer über die Ver­luste; dann die legen­däre Trep­pen­szene, deren Blut­rausch sich zum Bal­lett der Ver­zweif­lung, zu einer immer deut­li­cher her­vor­tre­ten­den aus­lö­schen­den Bos­heit des »Ancien Regime« ver­dich­tet; schließ­lich die sieg­rei­che Kon­fron­ta­tion des Pan­zer­kreu­zers mit der kai­ser­treuen Flotte.

Im Abstand der vie­len Jahr­zehnte, die seit­her ver­gan­gen sind, bewun­dert man nach wie vor die Inno­va­tio­nen, die expres­sive Wucht, auch die rausch­hafte Dyna­mik der Mon­tage. Aber man ist skep­ti­scher gewor­den gegen das Pathos der Bewusst­seins– und Wahr­neh­mungs­ver­än­de­rung, gegen das Pro­jekt einer Umer­zie­hung von Sen­si­bi­li­tät und Urteils­kraft. Frei­lich hat Eisen­steins Methode Schule gemacht; nicht nur im Polit­film, son­dern auch im All­tag Hol­ly­wods oder der Werbeästhetik.

Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Deutschland
This work by KHG Regensburg is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Deutschland.